stadtfisch
stadtfisch ist weniger
eine Band als vielmehr ein konzeptionelles Gesamtprojekt, eine Mischung
zwischen Musik und Performance-Kunst und Filmproduktion. Der alte
Mythos vom Künstler wird rekurriert. Ohne Beschränkung und Vorurteil,
ohne Formeln und historische Referenzen, sondern nur mithilfe der
"Vision mit ihrer eigenen Ausdruckskraft", die sich darauf versteht,
Welten aus dem Nichts zu erschaffen, und die gleichzeitig noch den
Faktor Lebendigkeit als aktuelle Währung künstlerischer Produktion in
den Ring wirft. Musik, Aktion, Performance und Videoinstallationen sind
Konsequenzen einer Kunsttheorie, die in einer befreiten Kunstpraxis wie
DADA und FLUXUS zu finden ist.
Performance und Aktion bezeichnen im Allgemeinen eine theatralische
Vorführung ohne Mitwirkung des Publikums, während stadtfisch die
Zuschauer miteinbezieht. Grundelemente sind: Rhythmus, Raum,
Spontanität, Sprache, Geräusch. Die visuell-akustische
Erlebnisfähigkeit bildet den Kern der künstlerischen Arbeit von
stadtfisch. Fortschritt birgt auch die Gefahr eines Fort-Schreitens,
weg von bisherigen Wahrnehmungsmustern in sich. Die digitale Evolution
täuscht darüber hinweg, dass zu ihrer Nutzung im Sinne einer
menschlichen Weiterentwicklung genau diejenigen analogen Fähigkeiten
kultiviert werden müssen, die sie vorgibt zu ersetzen..
stadtfisch - Biographie Uwe Bastiansen
Uwe Bastiansen, geb. 1963 in Hamburg, Tonkünstler, Musiker und Filmemacher
bis 1987
Nach seiner Kindheit entdeckte er als Jugendlicher das erste Mal (1976)
den Punk. Die Hochphase der Glamrock-Epoche war vorbei und seine
Ansichten änderten sich. Die Anfangszeit war von "neuen" Bands und
Künstlern geprägt. Erst war es der Spaß, dann kam das Finden der
Grenzen. Er entwickelte sehr schnell seine eigene Definition "Kunst ist
etwas anderes als die ‚Mona Lisa’". Geschichte war uninteressant
geworden. Aber, anders als im Klischee des Punks das "Jetzt", wurde
das, was noch kommen würde, das eigentlich Interessante für ihn.
Als Punk musste man als Erstes Musik ablehnen, in der endlose Soli
diverser Instrumente und endlos erscheinende Lieder verharren. Also
"Krautrock". Bands wie "Jane", "Guru Guru" und "Can". Anders sah es aus
mit "Kraftwerk". Synthesizer waren im Kommen. Auch in der "Neuen
Deutschen Musik" (wohlgemerkt: nicht "Neue Deutsche Welle") gab es eine
Wirkung - insbesondere die Nutzung als Sequenzer ("DAF"). Dazu Texte
wie in "Tanz den Mussolini" - direkt, verwirrend und kurz. Und dazu gab
es natürlich auch massive Skandale durch diese Provokation.
Konsequentes Handeln beeinflusste seine musikalische Evolution
nachhaltig.
Nach ersten unbeholfenen und naiven Versuchen entstand seine erste,
eigentliche Band. "Mask For". Sie
bestand aus ihm, Sänger Michael Seidler, dem ehemaligen Schlagzeuger
der Agit-Punk-Band "Slime", Stephan Mahler und dem Bassisten Oliver
Sander. Plötzlich gab es verrückte Konzerte und die erste
Veröffentlichung einer Langspielplatte. Diese wurde zum größten Teil
durch den Verkauf der eigenen Instrumente finanziert. "Spex"-Autor
Michael Ruff schrieb über Mask For: "Sie schreiben Stücke, keine
Songs".
In Zusammenarbeit mit Guiseppe Gagliano und Lothar Mattejat
("Trash-Center Altona") wurde kurzfristig eine Galerie namens "Mask
For - Vision" eröffnet. In einer Ausstellung wurden Unmengen
entwerteter Geldscheine "den Geiern zum Fraß vorgeworfen".
Mit dem Kennenlernen des New Yorker Politpunks Pete Missing gab es eine
weitere Variante: "Missing Foundation".
Diese Band verstand sich als eine Art der direkten, politischen
Opposition. Meinung wurde rausgeschrien, Trash und Chaos sprengten
jeglichen Rahmen. Daraus entstanden weitere ungewöhnliche Verbindungen.
So spielte er bei "KMFDM" (frühe Form des
"Industrial") und dem von Marc Chung ("Einstürzende Neubauten")
zusammengestellten Projekt eines Bassorchesters, ausschließlich aus 7
Bassisten bestehend.
1987 gründete er mit Freunden ein eigenes Label "GAP-Records". Es war ein weiterer
Versuch, eine "Lücke" zu finden. Er verdingte sich unter anderem als
Tourmanager, wo er die schwedische Band "The Leather Nun" kennen
lernte. Daraus entstand eine langjährige Partnerschaft mit dem
Göteborger Gitarristen Nils Wohlrabe. Eine ungewöhnliche Art des
"Noise", in der durch extreme Verzerrungen und wahre Feedback-Orgien
das "Durchschnittliche" durch Klänge veredelt wird.
1987 bis 2000
1987 kam es zum Neustart von "Mask For". Zusammen mit Nils Wohlrabe,
dem Gitarristen Frank Markendorf, dem Bassisten Gisbert Kellersmann ("Abwärts") und
Harry Cain wurde ausgiebig durch Europa getourt.
1987 lernte Uwe Bastiansen auch Frank Ziegert, den Gründer der
experimentellen Punkband "Abwärts",
kennen. Kurzerhand stieg Uwe B. in die neue Abwärts-Formation ein.
Außerdem waren noch F.M. Einheit ("Einstürzende Neubauten"), Michael
"Elf" Maier ("Slime"), Jochen Hansen ("Rio Reiser") und Frank Seele
dabei. Es entstanden neben provozierten Skandalen (Totenkopf-Bunny;
100.000,-DM Unterlassungsklage von "Playboy") auch eine Vielzahl von
Tonträgern. Für das 1993 erschienene Album "Herzlich Willkommen im
Irrenhaus" schrieb er noch einige Stücke, stieg aber vor deren
Veröffentlichung aus.
Ende 1992 entstand stadtfisch
zusammen mit der Hamburger Künstlerin Irina Frederich, mit der er bis
heute immer wieder zusammenarbeitet, und immer wieder neuen,
wechselnden Besetzungen. So spielten in der ersten Version neben Nils
Wohlrabe der brasilianische Bassist Ronaldo Nascimento und Heinz
Lichius am Schlagzeug erstmals Musiker aus dem Jazz- und Funkbereich
mit. Es ergab sich dadurch erneut eine Möglichkeit, verschiedene Kunst-
und Musikstile in ungewöhnlicher Form miteinander zu verbinden.
Um diese Klänge in einem professionellen Studio festzuhalten und zu
bearbeiten, arbeitete Uwe Bastiansen im Hamburger M.O.B.-Studio unter
der Leitung von Horst Siewert aka "Blank Fontana" als Toningenieur und
Produzent. Zusammen mit ihm ergaben sich weitere Möglichkeiten. Mit
Siewert, dem Künstler und Textautor Moishe Moser ("The Real Moi") und
Chrissie de Winter ("KMFDM") erweiterten komplizierte Popklänge seinen
Horizont. Bläser, klassische Instrumente und eine ausgereifte
Sampletechnik produzierten einen Sound des soliden Pops.
Nebenbei spielte Uwe Bastiansen kurzzeitig bei "The Sisters of Mercy" mit und
fing damit an, Filmmusik zu schreiben. Als Beispiel dafür gilt der Film
der Regisseurinnen Veronika Kirchgatterer und Isabel Skalska "Metallene
Bilder". Ebenso gab es die ersten ungewöhnlichen Performances. So
spielte er beispielsweise während einer Ausstellung mit einem, an einem
Gummiband über den Köpfen der Zuschauer "schwebenden" Verstärker.
Er stieg auch in die Band "Station 17"
ein, die fast ausschließlich aus körperlich und geistig behinderten
Menschen bestand. Es gab eine Vielzahl von Konzerten in Europa. Das
Publikum war anders, als er es vorher kannte: andere Behinderte, deren
Betreuer und kulturell Interessierte ohne einen direkten Bezug zur
Musik. In dieser Zeit entstanden 2 TV-Dokumentationen, die zum Ausdruck
bringen, wie weit die "normale Welt" von der "normalen Welt" der
Behinderten noch entfernt ist.
2000 bis 2008
Er lernte den Schlagzeuger Muck Giovanett ("Happy Grindcore") kennen.
Beide wollten etwas anderes als die, auch in alternativen Kreisen
übliche und angesehene Musik machen. Sie ignorierten mit voller Absicht
den 4/4tel-Takt. Dadurch, dass andere Musiker hierfür nicht zu
mobilisieren waren, drehten sie den Spieß um. Ein weiterer Stützpfeiler
war auch das Equipment. Sie benutzten keine Verstärker, spielten
instrumental und auch Monitorboxen waren nicht nötig. Sie spielten
einfach mit Kopfhörern, welches zu einer extremen Unabhängigkeit
führte. Einige Auftritte waren "Kopfhörerkonzerte" - das Publikum
musste einen Kopfhörer aufsetzen, um die Musik zu hören. bagio spielte
fast immer NICHT auf der Bühne. Lieber in der Mitte des Publikums, in
Schaufenstern, an Straßenkreuzungen und in Kellerräumen. Sie spielten
nachmittags auf einem Kinderfest und am gleichen Abend auf dem
"Avantgarde-Festival". Ihre Konzerte waren immer einmalig.
Überraschenderweise nahmen viele internationale Künstler wie Danielle
de Picciotto, die Sängerin der "Slits"- Ari Up, Matthias Schuster
("Geisterfahrer"), dem niederländischen Experimentalgitarristen Lukas
Simonis und der Hamburger Taikotrommelerkapelle „PTP" an der Idee einer
ungewöhnlichen Remix-CD teil. Als weitere Variante wurden über die
Musik hinaus auch Bilder und Fotos hierzu entwickelt.
2008 bis heute
Bei einem nicht angemeldeter bagio-Auftritt auf dem
"Avantgarde-Festival" kam es zu einer weiteren, für ihn wichtige
Bekanntschaft: Jean-Hervé Péron, einem Gründer der Krautrocklegende "Faust". Die Perfektion von "bagio" traf auf das Chaos
des "art-Errorist"
Péron. Er wurde eingeladen, mit Zappi Diermaier (Schlagwerk und Flex),
dem Keyboarder James Hodson, dem Gitarristen James Johnson ("Nick
Cave") und der irischen Künstlerin Geraldine Sayne in der Band "Faust" mitzuspielen. Auftritte,
bei denen mit "Kettensägen" und "Betonmischern" eine ungeheure Wucht an
Energie im Chaos endeten, waren faszinierend für ihn. "Es geht also
doch, eine Art "Punk" zu finden, der nicht "Punk-Rock" ist."
Dieses "Aufsprengen" der engen Grenzen in Musik und Kunst fügte sich zu
einem multimedialen Gesamtwerk zusammen. Aus einem legendären Konzert
in Paris, im "Point Éphèmére", machte er seinen ersten
Kino-Dokumentarfilm, "le piano fatigué".
Und obwohl er seit diesem Konzert ein lebenslanges Auftrittsverbot dort
hat, veranstaltete er die Premiere dieses Films an genau diesem Ort.
Im Zeitraum von 3 Jahren lernte Uwe Bastiansen eine Fülle an Musikern
kennen, die im weitesten Sinn "Avantgarde" machen. Er spielte u.a. mit
Eberhard Kranemann ("Kraftwerk", "Neu"), Jutta Weinhold ("Jane"), Damo
Suzuki ("Can") einzelne Konzerte. So kam es zu Bekanntschaften, die ihn
auf die aktuelle Idee von "stadtfisch" brachten. "stadtfisch" ist ein
Gesamtkunstwerk, welches "stadtfischflex" und "stadtfischfilm"
umfasst. "stadtfischflex" sind "stadtfisch" Uwe Bastiansen und sein "flexible
orchestra", auf der ersten Veröffentlichung aus dem Engländer
Geoff Leigh ("Henry Cow"), dem Österreicher Zappi Diermaier ("Faust"),
den Franzosen J.-H. Péron ("art-Errorist") und Cathy Heyden ("Urban
Sax"), den Italienern Diego Pandiscia ("Underdog") und Diego
Vinciarelli ("Chaos Physique") und Sebastian Nagel ("The Ape")
bestehend. Hinzu gesellte sich neben Tim Hodgekinson ("John Zorn",
"Fred Frith") erneut auch Irina Frederich, die für das entsprechende
Artwork sorgte. Das Album wurde live, ohne vorherige Absprachen und
Übungen an einem einzigen Tag aufgenommen. Danach benötigte er mehr als
3 Monate, um das gesamte in eine "hörbare" Form zu bringen.
2009 machte er im Zuge des Deutschen Kurzfilmfestival eine fast
2-monatige Performance-Tournee durch China. Neben Auftritten in Museen,
Galerien und auf Dorffesten spielte er auch an Universitäten. In Hong
He bekam er eine Ehrenprofessur dafür, dass er den Studenten erklärte,
wie man "atonale" Musik als Teil des Gesamtklangs verwertet. Trotz der
besorgten Augen der Professoren, die befürchteten, er könne die zur
Demonstration verwendeten Flügel ähnlich wie in seinem Film "le piano fatigué" einfach
zerstören (was er nicht tat).
Beeinflusst durch diese Erlebnisse plant er jetzt, darüber seinen
nächsten Film "sack über kopf
nach china" zu drehen. Er wurde verzaubert von den
Geschehnissen, die ausschließlich spontan waren. Und es ist ihm wichtig
zu zeigen, was sich für eine Spannung in den Augen beider Parteien (Uwe
Bastiansen als Solo-Künstler und dem Publikum) widerspiegelt. Neben dem
neuen Film arbeitet er auch an der zweiten "stadtfischflex"
Veröffentlichung. Ebenso wie an Livevertonungen von chinesischen
Kinofilmen (z.B. "Die rote Frauenarmee") mit der Hamburger Musikerin
"Xyramat", die aus dem Bereich der Computer-, Noise- und Soundmusik
kommt.
Veröffentlichungen:
| Band/Projekt | Vinyl/CD/DVD | Titel | Jahr |
| Mask For | Vinyl | "Mask For" | 1984 |
| CD | "All the world´s a stage" | 1992 | |
| Missing Foundation | DVD | "Video Collection" | 1984/2010 |
| stadtFisch | CD | "Puls" | 1993 |
| CD | "Willkommen daheim" | 2001 | |
| Maxi-CD | "Neuronic Org./stadtfilet" | 2005 | |
| Maxi-CD | "Neuronic Org./deconstadtfisch" | 2005 | |
| stadtfischflex | Mini-CD | "tanz den deutsch.l.a.n.d." | 2010 |
| CD/Vinyl | "stadtfischflex" | 2011 | |
| 7"-Vinyl | "deutschland.e.d.i.t." | 2011 | |
| bagio | CD | "Unterm Durchschnitt (I)" | 2005 |
| CD | "Gestern" | 2005 | |
| CD | "Es geschah im Mai" | 2005 | |
| Maxi-CD | "Neuronic Org./bagio" | 2005 | |
| DVD | "Videos" | 2005 | |
| CD | "II" | 2006 | |
| CD/Video CD | "I", "II" und Live-Clips nur für Bücherhallen | 2007 | |
| Video-CD | "Live-Clips" | 2006 | |
| CD | "Intermezzo" | 2007 | |
| Maxi-CD | "Neuronic Org./precore" | 2007 | |
| CD | "remix" | 2008 | |
| Abwärts | Mini-LP | "Mehr Alkohol" | 1988 |
| Maxi-Vinyl | "Die Zeit" | 1989 | |
| CD/Vinyl | "Ich seh´ die Schiffe den Fluss herunterfahren" | 1990 | |
| 7"-Vinyl | "Sonderzug zur Endstation" | 1990 | |
| Maxi-CD | "Vorsicht" | 1991 | |
| CD/Vinyl | "Comic-Krieg" | 1991 | |
| Doppel-CD | "Breaking News" | 2006 | |
| DVD | "Glam Slam" | 2008 | |
| Station 17 | CD | "Genau so" | 1993 |
| Twin Planets | CD | "Pleasure, wisdom & revelation" | 1994 |
| Think Big | CD | "And she still" | 1995 |
| Jaildog | CD | "Punkrock, HipHop and other obscure stories" | 1995 |
| The portable Kingdom | CD | "The portable Kingdom" | 1998 |
| Maxi-CD | "boy beats boy" | 1999 | |
| Faust | DVD | "christian´s edition" | 2008 |
| CD | "Schiphorst 2008" | 2008 | |
| CD | "Festival Avantgarde" | 2008 | |
| Doppel-CD | "Faust 2008" | 2008 | |
| Compilations | |||
| Doppel-Vinyl | "Song and Legend" | 1987 | |
| CD | "Nazis raus!" | 1991 | |
| CD | "Godfather´s of German Gothic" | 1995 | |
| Doppel-CD | "Notes from the real Underground" | 2003 | |
| CD | "Neuronic Org./from the inside" | 2005 | |
| CD | "Neuronic Org./from the inside" | 2007 | |
| CD | "Ox 72" | 2007 | |
| CD | "The Ocean/Fake Magazine" | 2007 | |
| CD | "Electro Arc 2" | 2007 | |
| CD | "Kraut 4 Ever" | 2009 | |
| DVD | "Kraut für Ewig" | 2009 | |
| stadtfischfilm | DVD | "le piano fatigué" | 2010 |